Dirk Gastauer berichtet von den Erfahrungen der „Tech-Exploration in der Wohlfahrt“, an der er mit seiner Organisation im Sommer 2023 teilgenommen hat: Er schildert die Herausforderung der „Tech-Exploration“ im Bereich der Suchthilfe und gibt ein Update zum aktuellen Status der explorierten KI-Anwendungsidee des „Therapiesteuerungs-Assistenten“.

Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Suchthilfe, einem besonders sensiblen und gesellschaftlich stigmatisierten Arbeitsbereich der Wohlfahrt„Wie passt das zusammen?“, mag man sich fragen. Im Sommer 2023 hat die Bertelsmann Stiftung eine sogenannte „Tech-Exploration“ in vier Wohlfahrtsorganisationen durchgeführt, um konkrete Anwendungsideen für den gemeinwohlorientierten Einsatz von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz (KI) zu entwickeln. Externe Tech-Expert:innen – sogenannte Explorierer:innen – haben innerhalb von sechs Wochen gemeinsam mit Mitarbeiter:innen und Klient:innen vor Ort Schmerzpunkte identifiziert und Lösungsansätze für den Algorithmen- und KI-Einsatz erarbeitet. Die daraus entstandenen Vorschläge demonstrieren das konkrete Potenzial von KI in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern, so auch im Bereich der Suchthilfe, die mit der Fachklinik Ludwigsmühle als teilnehmender Organisation Teil der „Tech-Exploration“ war. Die erarbeitete Idee – der „KI-Therapiesteuerungs-Assistent“ – soll den Erfolg der Behandlung im Rehabilitationsbereich verbessern, in dem die Wartelisten lang, die Abbruchquoten mit knapp 50 Prozent aber auch sehr hoch sind.

Weitere Informationen zu dieser konkreten Idee, wie KI in der Suchthilfe eingesetzt werden kann, gibt es hier.

Nun haben wir bei Dirk Gastauer, Diplom-Pädagoge und Geschäftsführer des Therapieverbundes, nachgefragt, welche Erkenntnisse die Ludwigsmühle durch die „Tech-Exploration“ gewonnen hat und was aus der explorierten Anwendungsidee geworden ist:  

1. Was nehmt ihr mit aus sechs Wochen Tech-Exploration“? 

Dirk Gastauer: Auf alle Fälle viel Inspiration für die weitere digitale Entwicklung bei unserem Träger und für die Suchthilfe insgesamt. Die gefundenen Pain Points betreffen ganz viele Einrichtungen bzw. nicht zuletzt die Fachkräfte und die Klient:innen. Das sind vor allem die bürokratischen und hürdenreichen Wege in die Hilfe, aber auch die Schwierigkeit, das richtige Angebot für die individuelle Problemlage zu finden. Das funktioniert heutzutage leider weitgehend nur per Versuch und Irrtum. Ein Irrtum kann aber für die Betroffenen fatale Konsequenzen haben: nicht nur gesundheitliche, sondern auch rechtliche. Diese „Irrtümer“ müssen eigentlich in der Suchthilfe soweit wie möglich vermieden werden.

Die beiden Explorierer:innen Sebastian Leidig und Charlotte Seiler mit Marin Hügel, Ludwigsmühle (v.l.n.r.) I Foto: Sebastian Pfütze

2. Was war/ist die größte Herausforderung? 

Dirk Gastauer: Eine große Herausforderung war einerseits der knappe Zeitplan. Andererseits war die Reduktion der Komplexität des Handlungsfeldes für die Explorer:innen eine echte Aufgabe. Sie müssen ja so gut wie möglich in der kurzen Zeit ins Feld eingeführt werden, damit sie die Bedarfe kennenlernen und eigene Impulse entwickeln können. Wir haben dann anhand des stetig wachsenden digitalen Whiteboards, das zur Dokumentation genutzt wurde, gesehen, wie herausfordernd das war. 

3. Wie geht es weiter? 

Dirk Gastauer: Nach der Exploration war da leider erstmal ein schwarzes Loch, weil wir eben nicht wussten, wie genau es weitergehen soll. Wir haben uns im Paritätischen Wohlfahrtsverband ausgetauscht, ob wir mit anderen interessierten Organisationen zusammen Fördermittel finden und beantragen können. Aber der erste Versuch war leider nicht erfolgreich und so wanderte die Umsetzung erstmal auf die Wartebank. Dann konnten wir uns Anfang 2024 am Hackathon KI in der Suchthilfe beteiligen und die Erfahrungen und Ergebnisse aus der TechExploration einbringen, nicht zuletzt die Kenntnisse über die Möglichkeiten und Grenzen einer KI-Entwicklung. Natürlich hatten wir dabei wieder die Hoffnung, Ideen für eine Umsetzung zu erhalten. Mittlerweile ist aber eine gemeinnützige Tech-NGO auf uns aufmerksam geworden und hat Kontakt zu uns aufgebaut. Mit ihr sind wir gerade dabei, die Machbarkeit für eine KI-Entwicklung im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Datenbasis zu checken. Wir sind auf jeden Fall noch am Ball! 

Publikation Vom Problem zur Anwendungsidee“  

Die „Tech-Exploration“ war ein Projekt der Bertelsmann Stiftung und wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert.  


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