Über Moltbook, eine Plattform, auf der KI-Agenten sich – vermeintlich – autonom miteinander „unterhalten“, wurde in den letzten Wochen viel geschrieben. Sehr viel. Deswegen gleich vorweg: Dazu steht in dieser Ausgabe von Erlesenes bewusst nichts, man muss nicht jeden Hype noch einmal kommentieren. Zumal es genug andere Entwicklungen gibt, die uns die Auswahl alle zwei Wochen ohnehin schwer genug machen.  

Und die schlicht mehr Aufmerksamkeit verdienen, wie etwa der kreative Protest der Bewohner:innen einer unter Wassermangel leidenden chilenischen Stadt. Besonders eindrücklich wird das im Video zur Aktion. Dabei fragt man sich: Wie viele Liter Wasser ist uns also ein KI-generiertes Bild wert? Und wer trägt die Folgen unseres scheinbar immateriellen Konsums?  

Die Fragen setzen sich fort: Wie setzt das digitale Vorbild Taiwan KI-Regulierung konkret um? Wie viel Automatisierung verträgt freiwilliges Engagement, wenn KI zunehmend in der Bürgerwissenschaft eingesetzt wird? Und was passiert, wenn Staaten Beweise diskreditieren, indem sie alles als KI-Fälschung abtun, wie es das iranische Regime derzeit im Kontext der mutigen Proteste der Iraner:innen versucht?  

Außerdem: Ramak Molavi Vasse’i nimmt die Microsoft-Software „Recall“ unter die Lupe, die automatisch auch sensible Informationen mitschneidet.  

Viel Spaß beim Lesen wünschen

Elena und Teresa

P.S. Ihnen wurde dieser Newsletter weitergeleitet? Hier geht es zum Abo: https://www.reframetech.de/newsletter/

Die Meinungen in den Beiträgen spiegeln nicht zwangsläufig die Positionen der Bertelsmann Stiftung wider. Wir hoffen jedoch, dass sie zum Nachdenken anregen und zum Diskurs beitragen. Wir freuen uns immer über Feedback – der Newsletter lebt auch von Ihrer Rückmeldung und Ihrem Input. Melden Sie sich per E-Mail an teresa.staiger@bertelsmann-stiftung.de oder bei LinkedIn unter @reframe[Tech] – Algorithmen fürs Gemeinwohl.


Muskulöse Großmütter gegen Rechenzentren

Video der Aktion auf LinkedIn, Januar 2026 

Die chilenische Stadt Quilicura, nahe der Hauptstadt Santiago de Chile gelegen, beherbergt gleich mehrere KI-Rechenzentren und erlebt gleichzeitig die schlimmste Wasserkrise seit Jahren. Rechenzentren verbrauchen nämlich enorme Mengen Wasser, um ihre Server zu kühlen. Am Samstag, den 31. Januar 2026, haben die Bewohner:innen beschlossen, für einen Tag selbst zur „KI zu werden”, um auf ihre Wasserkrise aufmerksam zu machen. Unter quili.ai konnten Menschen weltweit die Einwohner:innen von Quilicura beauftragen, Aufgaben zu erledigen, für die sonst KI-Systeme genutzt werden. Benji, ein lokaler Künstler, zeichnete beispielsweise eine muskulöse Großmutter von Hand, der neunjährige Mateo erklärte Sachverhalte in einfachen Worten während Andrea mit Rezepten aushalf. Die von einer Werbeagentur gemeinsam mit lokalen Kreativen entwickelte Aktion verdeutlicht die Verbindung zwischen digitalen Spielereien und realen Ressourcenproblemen. Jedes Mal, wenn wir KI-Systeme nutzen, um ein Bild zu generieren, sinkt irgendwo der Wasserspiegel ein Stückchen weiter. Wie viele Liter Wasser ist uns also ein KI-generiertes Bild wert und wer trägt die Folgen unseres scheinbar immateriellen Konsums? Die Bewohner:innen von Quilicura machen diesen abstrakten Preis konkret.  


Taiwan verabschiedet KI-Grundgesetz nach EU-Vorbild 

Taiwan’s strategic leap into AI: Enacting the AI Basic Act to foster innovation, governance, iapp, 5.2.2026

Taiwan hat am 14. Januar 2026 sein KI-„Grundgesetz“ in Kraft gesetzt. Die Definition von KI orientiert sich dabei eng an der EU-KI-Verordnung und beschreibt KI-Systeme als Technologien, die Vorhersagen, Inhalte, Empfehlungen oder Entscheidungen bereitstellen. Als primäre Aufsichtsinstanz wurde der National Science and Technology Council (Nationaler Rat für Wissenschaft und Technologie) benannt, während das Ministerium für digitale Angelegenheiten zentrale operative Aufgaben übernimmt, etwa bei der Risikobewertung. Das Gesetz formuliert sieben Leitprinzipien, darunter Transparenz, Nichtdiskriminierung, Datenschutz und ausdrücklich auch Rechenschaftspflicht. Stuft die Regierung ein KI-Produkt als hochriskant ein, verpflichtet sie Anbieter zur Kennzeichnung, wobei die Kriterien für diese Einstufung unter Einbindung verschiedener gesellschaftlicher Akteur:innen entwickelt werden sollen. Neben Datenschutz und Datenminimierung sieht das Gesetz auch Maßnahmen zur Verbesserung der Datenverfügbarkeit für KI-Training vor. Die Regierung hat nun zwei Jahre Zeit, bestehende Gesetze zu überprüfen und neue Regelungen zu erlassen, um die im KI-Grundgesetz festgelegten Prinzipien umzusetzen.  


Mensch und Maschine 

vision for responsible AI integration in citizen sciencenature, 2.2.2026

KI-Systeme kommen zunehmend auch in der Bürgerwissenschaft zum Einsatz, also in Projekten, bei denen Bürger:innen gemeinsam mit Wissenschaftler:innen Daten sammeln und auswerten. KI-Systeme können dabei unterstützen, riesige Datenmengen schneller zu analysieren, Muster zu erkennen und direkt Rückmeldungen zu generieren. Gerade in Umwelt- oder Kartierungsprojekten verspricht dies mehr Effizienz und Reichweite. Doch der Einsatz von KI hat auch eine Kehrseite. Viele KI-Systeme funktionieren als „Black Box“, das heißt, ihre generierten Ergebnisse sind für Menschen schwer nachvollziehbar. Verzerrte Trainingsdaten können bestehende Ungleichheiten reproduzieren. Wenn sinnstiftende Aufgaben automatisiert werden, besteht zudem die Gefahr, dass Freiwillige ihre Motivation verlieren und zu bloßen Datenlieferant:innen werden. Bürgerwissenschaft lebt jedoch von Beteiligung, lokalem Wissen und gemeinsamer Interpretation. Die Studie unterstreicht deshalb die Notwendigkeit, KI verantwortungsvoll einzusetzen: Transparenz, Datenschutz und klare rechtliche Rahmenbedingungen sind dabei ebenso zentral wie digitale Inklusion und der Abbau technischer Hürden. Auch die ökologische Seite wird betont, denn hoher Energie- und Ressourcenverbrauch widerspricht oft den Umweltzielen dieser Projekte.  


Ein Screenshot alle paar Sekunden 

Microsofts Gedächtnisprotokoll: Wie Windows 11 zum Spion wird, Digitalrechte, 3.2.2026

Die KI-Funktion „Recall” von Microsoft erstellt in kurzen Abständen Screenshots der auf Windows-11-PCs geöffneten Anwendungen und analysiert deren Inhalte. Die Software protokolliert, welche Anwendungen geöffnet, welche Inhalte gelesen oder welche Texte getippt wurden, einschließlich sensibler Daten wie Passwörter, Bank- oder Gesundheitsinformationen. Ein klarer Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVODSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) Ein EU-Gesetz zum Schutz personenbezogener Daten und der Privatsphäre von EU-Bürgern.). In der EU ist „Recall“ seit Juli 2025 verfügbar. Microsoft gibt an, dass es hier standardmäßig deaktiviert und nur für „Copilot+”-PCs vorgesehen ist. Recherchen deuten jedoch darauf hin, dass die Komponente auch auf anderen Windows-11-Geräten vorhanden ist. Solange sie Teil des Systems bleibt, ist sie potenziell aktivierbar, d. h., wer Zugriff auf ein entsperrtes Gerät hat, kann die gespeicherten Aktivitäten nachvollziehen. Das birgt Risiken, etwa für Betroffene häuslicher Gewalt, deren Täter:innen Zugriff auf den Computer haben könnten. Tests zeigen zudem, dass sensible Informationen weiterhin gespeichert werden können, wenn sie nicht eindeutig als solche erkennbar sind. Ramak Molavi Vasse’i vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie fordert daher, dass die irische Datenschutzbehörde Microsoft zur Einhaltung des Datenschutzes verpflichtet und die deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte eine Empfehlung ausspricht, Windows 11 in der öffentlichen Verwaltung nicht einzusetzen.  


Wenn das Internet verstummt 

Shedding light on Iran’s longest internet blackout, The Verge, 1.2.2026

Seit Anfang Januar 2026 gehen im Iran Tausende Menschen auf die Straße und protestieren. Das Regime reagierte unter anderem mit der bislang längsten Internetabschaltung des Landes. Mahsa Alimardani, stellvertretende Direktorin der NGO für digitale Rechte WITNESS erklärt, dass die iranische Regierung den Zugang zum Internet aus einem Grund fürchtet: Es ermöglicht, staatliche Verbrechen zu dokumentieren und zu bezeugen. 1988 ließ die iranische Führung zum Beispiel Tausende politische Gefangene hinrichten und ohne digitale Kommunikationsmittel war es kaum möglich, die Verbrechen zu dokumentieren oder international bekannt zu machen. Heute versucht das Regime, nicht nur zu verschweigen, sondern aktiv zu verwirren, indem es den medialen Raum mit KI-generierter Desinformation flutet. Ein symbolträchtiges, verifiziertes Protestbild wurde beispielsweise mithilfe von KI-Software geschärft, doch Regime-Accounts bezeichneten es dennoch als „AI slop” (abwertend für „KI-Müll”). Mit diesen Strategien versucht das Regime, selbst verifizierte Beweise zu diskreditieren, was besonders effektiv ist, wenn zugleich der Zugang zum Internet eingeschränkt wird. Während der Totalabschaltung war „Starlink”, ein Satelliten-Internetdienst von Elon Musks Unternehmen SpaceX, oft der einzige Kommunikationskanal ins Land. Schätzungen zufolge sind 50.000 bis 56.000 Empfangsgeräte im Umlauf, die für bis zu 2.000 Dollar geschmuggelt wurden. Das bedeutet jedoch, dass nur privilegierte Menschen Zugang haben. Vorkommnisse in ärmere Regionen, die oft an der Spitze von Protesten stehen, können daher kaum dokumentiert werden.  


Follow-Empfehlung: Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie

Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie beschäftigt sich mit digitalen Grundrechten im Netz.


Verlesenes: Hat mein Rotkohl ein Bewusstsein?


Die Kurzzusammenfassungen der Artikel sind unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.