Welche Bedingungen braucht der Staat, um KI-Spitzentalente zu gewinnen und zu halten? Eine von uns organisierte Podiumsdiskussion in Berlin hat gezeigt, dass sich dafür wichtige Lehren aus Großbritannien ziehen lassen.
Am vergangenen Dienstag fand in Berlin eine Podiumsdiskussion statt, die wir zusammen mit dem KIRA Center organisiert haben, zur Frage, wie der Staat KI-Spitzentalente gewinnen kann – und was Deutschland dabei von Großbritannien lernen kann. Die Veranstaltung richtete sich an ein Publikum, das zu großen Teilen aus dem politischen Berlin kam, darunter Vertreter:innen aus Ministerien, Verwaltung und dem weiteren politiknahen Umfeld. Nach der Begrüßung durch Felix Sieker gab Konstantin Sietzy, Deputy Director Talent & Operations am UK AI Security Institute, einen Impuls dazu, wie Großbritannien in kurzer Zeit hochqualifizierte technische Fachkräfte für den Staat gewinnen konnte. Anschließend diskutierten Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Carla Hustedt, Leiterin des Bereichs „Digitalisierte Gesellschaft“ der Stiftung Mercator, und Konstantin Sietzy unter der Moderation von Daniel Privitera, Gründer des KIRA Center, über die Übertragbarkeit dieser Erfahrungen auf den deutschen Kontext.
Im Mittelpunkt stand die Frage, warum es Großbritannien gelungen ist, für das AI Security Institute in vergleichsweise kurzer Zeit zahlreiche technische KI-Spitzentalente zu rekrutieren – darunter Personen mit Erfahrung bei Unternehmen wie OpenAI, DeepMind und Anthropic. Eine zentrale Erkenntnis aus dem Impuls war dabei: Nicht das Gehalt ist der entscheidende Hebel, sondern vor allem das operative Umfeld, in dem diese Fachkräfte arbeiten.
Drei Lehren aus den britischen Erfahrungen
Aus den britischen Erfahrungen lassen sich drei wesentliche Lehren ableiten.
Erstens braucht es ein glaubwürdiges politisches Commitment von ganz oben. Eine neue Institution, die für hochqualifizierte Talente attraktiv sein soll, muss sichtbar politisch gewollt sein und mit einem klaren Mandat ausgestattet werden. Für potenzielle Bewerber:innen ist entscheidend, ob eine Organisation lediglich angekündigt wurde oder ob sie tatsächlich Priorität genießt, Ressourcen erhält und Rückendeckung aus der politischen Führung hat. Gerade im Wettbewerb mit Technologieunternehmen reicht es nicht aus, allgemein auf die gesellschaftliche Bedeutung der Aufgabe zu verweisen. Talente müssen erkennen können, dass ihre Arbeit institutionell ernst genommen wird und politische Anschlussfähigkeit besitzt.
Zweitens prägen die ersten Einstellungen alles Weitere. Die ersten Personen, die für eine solche Einrichtung gewonnen werden, definieren nicht nur die fachliche Qualität, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Organisation nach außen. Ihre Reputation in der Fach-Community entscheidet maßgeblich darüber, ob weitere hochqualifizierte Personen ein solches Projekt als ernst zu nehmende Option wahrnehmen. Der Aufbau einer Institution ist deshalb auch ein sequenzieller Prozess: Wer zuerst kommt, beeinflusst, wer danach kommt. Gerade in eng vernetzten technischen Communities spielt dieser Reputationsmechanismus eine erhebliche Rolle.
Drittens muss ein Umfeld geschaffen werden, in dem sich die Arbeit anders anfühlt als in klassischen Verwaltungsstrukturen. Dazu gehören mehr Gestaltungsspielraum, schnellere Abläufe sowie die Möglichkeit, auch fachlich sichtbar zu bleiben – etwa durch Publikationen. Für viele hochqualifizierte Fachkräfte ist also nicht nur relevant, was sie tun, sondern auch, wie sie arbeiten können: ob sie Zugang zu relevanten Ressourcen haben, ob Entscheidungen zügig getroffen werden und ob ihre Expertise tatsächlich handlungsleitend ist.
In der Diskussion wurde zudem deutlich, dass das britische AI Security Institute nicht nur personell schnell aufgebaut wurde, sondern inzwischen auch inhaltliche Wirkung entfaltet hat. So trägt es dazu bei, dass die britische Regierung ein belastbares Lagebild zu den Chancen und Risiken fortgeschrittener KI entwickelt und das Thema auf hoher politischer Ebene bearbeitet wird. Damit wurde in Großbritannien eine staatliche Kapazität geschaffen, die nicht nur Beratung leistet, sondern strategische Handlungsfähigkeit im Umgang mit KI stärkt.
Implikationen für Deutschland
Für den deutschen Kontext bestand auf dem Podium Einigkeit darüber, dass auch mehr technische Expertise in staatlichen Strukturen nötig ist. Die Diskussion machte aber auch deutlich, dass es nicht ausreichen wird, einzelne Fachkräfte anzuwerben, ohne zugleich die institutionellen Rahmenbedingungen zu verändern. Die Rekrutierung internationaler KI-Spitzentalente für den Staat wird nur dann gelingen, wenn sich auch Prozesse, Arbeitsbedingungen und Führungsstrukturen verändern. Wer Spitzenkräfte gewinnen will, muss ihnen Arbeitsformen anbieten, in denen fachliche Exzellenz wirksam werden kann.
Gerade jetzt eröffnet sich dafür ein politisches Zeitfenster. Die Bundesregierung hat zuletzt wieder Signale ausgesendet, die KI-Kompetenz im Staat zu stärken. So hat Digitalminister Karsten Wildberger beim KI-Gipfel in Neu-Delhi im Februar bekräftigt, über ein deutsches AI Security Institute nachzudenken. Die Veranstaltung in Berlin hat vor diesem Hintergrund vor allem eines gezeigt: Wenn Deutschland staatliche KI-Kompetenz wirksam aufbauen will, lohnt sich ein genauer Blick auf die britischen Erfahrungen. Entscheidend ist dabei weniger, einzelne Maßnahmen zu kopieren, als die grundlegende Einsicht ernst zu nehmen: Spitzenpersonal folgt nicht allein der Bezahlung, sondern vor allem der Aussicht auf Relevanz, Exzellenz und wirksames Arbeiten.
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