In einem neuen Policy Brief zeigen wir, warum Europas Abhängigkeit im Bereich KI-Infrastruktur ein wachsendes Risiko für strategische Autonomie und demokratische Kontrolle darstellt – und wie ein Public AI Ansatz KI zu offener, missionsorientierter öffentlicher digitaler Infrastruktur machen kann, die dem Gemeinwohl dient. 

Die leistungsfähigsten KI-Systeme werden zunehmend Teil der grundlegenden Infrastruktur Europas und stützen inzwischen Suche, Kommunikation, Bildung, Gesundheitsversorgung oder sogar sicherheitsrelevante Systeme. Diese Infrastruktur wird jedoch weitgehend von einer kleinen Gruppe nichteuropäischer Unternehmen entwickelt und gesteuert, die Investitionen, Daten und Talente in ihren Händen bündeln. 

Dieser neue Policy Brief nimmt dieses Ungleichgewicht zum Ausgangspunkt. Wir argumentieren, dass Europas Abhängigkeit von ausländischen Cloud-Anbietern und Foundation Models nicht nur ein wirtschaftliches Problem ist, sondern ein unmittelbares Risiko für strategische Autonomie, demokratische Entscheidungsfindung und das europäische Sozialmodell. 

Die drei Säulen von Public AI 

Die öffentliche Debatte über künstliche Intelligenz schwankt oft zwischen unkritischem Optimismus und alarmistischen Szenarien. In diesem Policy Brief treten wir bewusst einen Schritt zurück und behandeln KI als eine „normale Technologie“: mächtig und transformativ, aber letztlich durch politische und gesellschaftliche Entscheidungen geprägt – und nicht als autonome Kraft jenseits demokratischer Kontrolle. 

Aus dieser Perspektive lautet die Schlüsselfrage nicht, ob Europa ein abstraktes „KI-Rennen“ gewinnen kann, sondern auf welche Art von KI Infrastruktur es sich stützen will – und wem diese Infrastruktur dienen soll. Unsere Antwort ist Public AI: ein Rahmenkonzept, das KI als öffentliche digitale Infrastruktur versteht, die am Gemeinwohl ausgerichtet ist. 

Public AI beruht auf drei Säulen. Erstens: universeller, gleicher und nichtdiskriminierender Zugang zu Rechenleistung, Daten, Modellen und Anwendungen, unterstützt durch offene Lizenzen, offene Standards und interoperable, oft Open-Source-Ökosysteme. Zweitens: missionsorientierte öffentliche Ziele, die Investitionen an klar definierten öffentlichen Bedürfnissen ausrichten und digitale öffentliche Güter schaffen, dort wo Märkte zu wenig bereitstellen. Drittens: öffentliche Kontrolle durch wirksame Aufsicht, öffentliche Finanzierung oder direkte Bereitstellung – mit Möglichkeiten für Bürgerbeteiligung und öffentliches Eigentum an erfolgreichen Innovationen. 

Europas politischer Werkzeugkasten nimmt Form an 

Die gute Nachricht ist: Europa fängt nicht bei null an. Im vergangenen Jahr hat die Europäische Kommission eine Reihe von Initiativen gestartet – darunter den AI Continent Action Plan, die Apply AI Strategie und die Data Union Strategy –, um Rechenkapazitäten auszubauen, die Modellentwicklung zu unterstützen, den Zugang zu hochwertigen Daten zu verbessern und KI in strategischen Sektoren einzusetzen. 

Zusammen betrachtet stellen diese Schritte eine erhebliche öffentliche Investition in Europas KI-Zukunft dar. Doch ohne einen expliziten Public AI Fokus besteht die Gefahr, dass sie bestehende Abhängigkeiten eher verstärken als überwinden. Wenn öffentlich finanzierte Recheninfrastrukturen, Modelle und Datensätze vor allem proprietären Lösungen dienen, die anderswo kontrolliert werden, hätte Europa Infrastruktur bezahlt, die letztlich andere steuern. 

Um dieses Ergebnis zu vermeiden, fordert der Policy Brief eine „Full Stack“-Perspektive. Rechenleistung, Daten, Modelle, Anwendungen und Software sollten als Teile eines einzigen Public AI Stacks behandelt werden – statt als getrennte Politikfelder. Maßnahmen auf jeder Ebene müssen sich gegenseitig verstärken. Ebenso wichtig sind nachfrageseitige Instrumente wie strategische öffentliche Beschaffung, gezielte Unterstützung für Anwendungsfälle im öffentlichen Sektor und Leitlinien für verantwortungsvolle Einführung, damit neue Infrastruktur tatsächlich genutzt wird, um öffentlichen Mehrwert zu schaffen. 

Drei Bausteine für europäische Public AI 

Auf dieser Grundlage formulieren wir politische Empfehlungen zu drei zentralen Schichten des KI-Stacks: Rechenleistung, Modelle und Daten. 

Bei der Rechenleistung argumentieren wir, dass Investitionen klar an Public AI Zielen ausgerichtet werden müssen. Tatsächlich brauchen Investitionen in Rechenkapazitäten – insbesondere die Gigafactories-Initiative – eine deutlich klarere Orientierung an Public-AI Zielen. Während Gigafactories und AI Factories durchaus eine breite Palette von KI-Entwicklungsprojekten unterstützen sollten, muss die strategische Bedeutung von Public AI ausdrücklich anerkannt und priorisiert werden. 

Bei den Modellen plädieren wir für eine nachfragegetriebene Strategie, die auf eine Familie europäischer öffentlicher Foundation Models zentriert ist, die dauerhaft offen und demokratisch gesteuert sind. Diese Allzwecksysteme sollten durch kleinere, spezialisierte Modelle ergänzt werden, die auf konkrete Domänen zugeschnitten sind. Open-Source-Lizenzierung und Transparenz über Architekturen, Trainingsmethoden und Daten werden als essenziell gerahmt – sowohl für Rechenschaftspflicht und Reproduzierbarkeit als auch dafür, dass europäische Akteure auf öffentlich finanzierte Technologien aufbauen können, ohne neue strukturelle Abhängigkeiten zu schaffen. 

Bei den Daten argumentieren wir für europäische Data Commons, um entstehenden „Datenwintern“ entgegenzuwirken, in denen hochwertige Datensätze zunehmend weggeschlossen werden. Eine Public AI Datenstrategie sollte rechtliche Sicherheit für die Nutzung öffentlich verfügbarer Daten im Modelltraining mit neuen Governance-Mechanismen zur gemeinsamen Nutzung hochwertiger Datensätze verbinden. Als mögliche institutionelle „Klammer“ zwischen Dateninhabern, Entwicklern und Compute-Anbietern werden Data Labs in Verbindung mit AI Factories genannt – vorausgesetzt, sie haben ausdrücklich den Auftrag, Open-Source-Entwicklung, Bedarfe des öffentlichen Sektors und Anwendungen im öffentlichen Interesse zu unterstützen. 

Letztlich geht es beim Public AI Ansatz nicht darum, KI überall einzusetzen, sondern dort, wo sie tatsächlich öffentlichen Bedürfnissen dient. Wir argumentieren gegen ein unkritisches „AI first“-Prinzip und stattdessen für einen zielgerichteten Einsatz, der von Evidenz, missionsorientierter Forschung und Innovation sowie starker Governance geleitet ist. In manchen Bereichen wird die verantwortungsvollste Entscheidung sein, KI überhaupt nicht einzusetzen. 

Der Public AI Policy Brief richtet sich an europäische Entscheidungsträger in EU Institutionen und Mitgliedstaaten sowie an Forschende, Public-Interest-Technolog:innen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die eine andere KI-Zukunft für Europa mitgestalten wollen. 

Die Zukunft der KI in Europa ist noch offen. Ob KI zu einem weiteren Treiber der Abhängigkeit oder zu geteilter öffentlicher Infrastruktur wird, hängt von den Entscheidungen ab, die jetzt getroffen werden. Wir laden alle Akteure, die an Europas digitaler Transformation beteiligt sind, ein, sich mit den Vorschlägen auseinanderzusetzen und dabei zu helfen, ein Public-AI-Ökosystem aufzubauen, das dem Gemeinwohl wirklich dient. 


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